Stellungnahme von Prof. Wassermann (2009)

Univ.-Prof. (Emeritus) Dr. Otmar Wassermann
ehemaliger Direktor des Institutes für Toxikologie,
Klinikum der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel

Stellungnahme für Herrn Peter Röder
 

1) Zu meinen beruflichen Erfahrungen im Zusammenhang mit dieser Stellungnahme:

Von 1975 bis 2000 war ich Direktor des Institutes für Toxikologie im Klinikum der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (GAU). Die von unseren Arbeitsgruppen erforschten Schwerpunktthemen sind in den Forschungsberichten der GAU regelmäßig ausführlich dokumentiert.

Anfang der 1980er Jahre erfuhren wir von schweren Gesundheitsstörungen bei Tausenden von Menschen alleine in der damaligen Bundesrepublik, die einen Zusammenhang zwischen der Exposition gegen Holzschutzmittel (HSM) – damals Mischungen aus hochtoxischen Wirkstoffen, deren herstellungsbedingten Verunreinigungen und diversen, ihrerseits toxischen Lösemitteln (LM) – dringend nahelegten.

Derartige Gesundheitsschäden wurden uns sowohl aus dem Bereich Holzverarbeitender Betriebe als auch von unzähligen Privatpersonen bekannt, die HSM in ihren Wohnungen im Vertrauen auf die ausdrückliche Empfehlung der Hersteller eingesetzt hatten.

Als Industrie-unabhängiger Lehrstuhlinhaber für Toxikologie habe ich in dieser Zeit in wissenschaftlichen Veröffentlichungen, Gutachten (u. a. für die Staatsanwaltschaft Frankfurt/M. im Rahmen des bekannten "Holzschutzmittel-Prozesses"), Zeitungs- und Fernsehinterviews häufig auf diese Problematik aufmerksam gemacht.

In deren Folge wurden einige meiner Mitarbeiter und ich bundesweit von Sozialgerichten gutachterlich in vielen Fällen beauftragt, in denen gesundheitlich am Arbeitsplatz Geschädigte die Verursacher verklagten.

So erfuhren wir einerseits vom hohen Leidensdruck vieler Betroffener, andererseits - häufig als Obergutachter - von der fachlich oft miserablen "Qualität" der von den Berufsgenossen-schaften als bewährte "Ablehner" bevorzugten Fließbandgutachter - Arbeitsmediziner, Toxikologen und zahlreiche wenig qualifizierte Mediziner.

Auch sammelten wir in diesem Bereich leider nicht selten bittere Erfahrungen mit manchem Sozialgericht, welches trotz unseres einwandfreien Nachweises der wissenschaftlichen Fehlerhaftigkeit bzw. sogar der Fälschung von Gutachten zu Gunsten der Auftraggeber und zum z. T. Existenz-vernichtenden Nachteil der Betroffenen die Klage der Betroffenen ablehnte.

Einen kleinen Teil dieser für einen unabhängigen Wissenschaftler unerträglichen Erfahrungen veröffentlichte ich in meinem Beitrag "Fälschung und Korruption in der Wissenschaft" im Buch "Käufliche Wissenschaft", Knaur, München 1994, selbstverständlich unter Nennung einiger Namen derartiger "Kollegen".

2.) zu Herrn Peter Röder

Im Zusammenhang mit dem oben kurz skizzierten Hintergrund erfuhr ich 1998 von den schweren, zur Berufsunfähigkeit führenden Gesundheitsschäden, die Herr Peter Röder an seinem Arbeitsplatz als Tischler durch Einwirkung LM-haltiger Holzbehandlungsmittel erlitten hatte.

Auf seine hilfesuchende Anfrage teilte ich ihm meine fachlichen Kenntnisse über die erheblichen Gesundheitsrisiken beim Umgang mit den komplexen chemischen Gemischen HSM/LM selbstverständlich mit.

Motiviert durch die eigene gesundheitliche Betroffenheit und anhaltend frustriert durch oben beschriebenes Verhalten von Berufsgenossenschaften, Gefälligkeitsgutachtern und Gerichten bei seinen zahlreichen Sozialgerichtsterminen, entwickelte Herr R öder innerhalb weniger Jahre eine erstaunliche Fähigkeit, komplizierte medizinische pathophysiologische wie toxikologische - Zusammenhänge zwischen chemischer Schädigung und gesundheitlicher Auswirkung zu erkennen, wie sie - wegen ihrer in diesem Bereich allgemein oberflächlichen und industriefreundlichen Ausbildung – leider nur wenigen Ärzten eigen ist.

Ebenso rasch eignete er sich die erforderlichen Spezialkenntnisse für Recherchen in internationalen wissenschaftlichen Datenbanken (Medizin, Arbeitsmedizin, Toxikologie, Chemie) an und sammelte dadurch aus der Weltliteratur ein umfangreiches Archiv an Spezialliteratur über diese Thematik.

Ausgerüstet mit diesem stattlichen Fundus an Literaturkenntnis widerlegte er in zahlreichen Fällen gutachterliche Falschaussagen, indem er nachwies, dass deren Autoren kritische Veröffentlichungen, welche die Klage der Betroffenen ohne Zweifel berechtigt erscheinen ließen, in ihren "Expertisen" weggelassen bzw. inhaltlich falsch zitierten.

Auf diesem langen, äußerst mühseligen Weg verzeichnete Herr R öde r dennoch beachtliche Erfolge. U. a. wies er nach, dass das Berufskrankheiten-Merkblatt BK 1317 (Neurotoxizität von LM), welches als Richtlinie zur gutachterlichen Beurteilung allgemein (d. h. in zahllosen Fällen) diente, von den verantwortlichen "Sachverständigen" - wie oben beschrieben - gefälscht war.

Herrn Röders enormem, wissenschaftlich korrektem und unermüdlichem Einsatz ist es zu danken, daß dieses Merkblatt BK 1317 revidiert wurde.

Eine solche Leistung hat meines Wissens bisher beschämenderweise kein Lehrstuhlinhaber für Arbeitsmedizin oder für Toxikologie in Deutschland erbracht, teils aus Desinteresse, teils weil dadurch ihre eigenen lukrativen Dauergeschäfte mit den Berufsgenossenschaften gestört worden wären.

Herr Röder gründete die "Initiative kritischer Umweltgeschädigter,“ Eußenheim-Bühler, IKU e.V., deren Vorsitzender er ist, um sein umfangreiches Fachwissen auch anderen Geschädigten gerichtsfest verfügbar zu machen.

Er versuchte die Öffentlichkeit aufzuklären, dass die sog. REACH-Verordnung (EG Verordnung Nr. 1907/2006 - offensichtlich von der Chemischen Industrie diktiert – nach der künftig hochtoxische, u. a. krebserregende Chemikalien als "gering gefährlich" einzustufen sind!) ein gemeingefährliches politisches Machwerk darstellt.

Herr Röder gab einen Aufruf zur strafrechtlichen Verfolgung notorischer und nur profitorientierter Gefälligkeitsgutachter und Fälscher heraus und stellte selbst Strafanzeige gegen einige von ihnen wegen Prozessbetrugs.

Erfreulicherweise fand Herr Röder immer wieder fachliche Unterstützung durch einige Menschen aus Wissenschaft, Justiz, Politik und in den Medien, deren Gewissen nicht durch Profitgier und Opportunismus abgetötet ist.

Wenn in dieser, unserer Gesellschaft ein Mensch sich kritisch über eklatante Missstände äußert, aus denen interessierte Kreise enormen Profit schlagen, so wird dieser wegen des Fehlens überzeugender Sachargumente vehement diffamiert, denn - wie Kurt Tucholsky schon 1929 urteilte - "es gilt doch in diesem Lande derjenige als viel gefährlicher, der auf den Schmutz hinweist als derjenige, der ihn macht".

Diese versuchte "Zersetzung" von Kritikern hat in der deutschen Geschichte - Ost wie West - eine lange, düstere und zu tiefst beschämende Tradition:

"Wenn wir einen loswerden wollen·, so soll Gaudozentenführer Willing einmal in schöner Offenheit erläutert haben, "so bewerfen wir ihn zunächst einmal tüchtig mit Schmutz, so dass er Jahre braucht, sich reinzuwaschen; inzwischen haben wir Zeit, alles nach Wunsch zuordnen."  *) H. Heber, 1966, S. 821. Aus: Naturwissenschaft, Technik und NS-Ideologie, H. Mertens, S. Richter, Hrsg., Suhrkamp tb Wissenschaft 303, 1980, S. 50

 Daran erinnere ich nur deshalb so ausdrücklich, damit auch die zu unabhängigen und gewissenhaftem Urteilen verpflichteten Richter/innen den mir bekannten Diffamierungsversuchen von Gefälligkeitsgutachtern gegen Herrn Röder - und auch in anderen vergleichbaren Fällen - künftig angemessen begegnen.

Schönkirchen / Kiel, 03.09.2009

 Prof. Dr. Otmar Wassermann